Eine kostenlose Kurzanalyse
zum Führungsverhalten beim HSV.

Von Fußball habe ich nicht ganz so viel Ahnung. Aber ich habe etwas Ahnung von Führung und liefere hier mal als unwissender Außenstehender eine kostenlose Kurzanalyse vom Führungsverhalten bei dem Dino der Bundesliga ab.

Im Nachhinein lässt sich immer leicht reden, doch bereits beim Amtsantritt von Herrn Kreuzer habe ich gedacht, ob das Führungsverhalten so der richtige Stil ist. Diese Woche habe ich mal ein paar Interviews nachgelesen und ich kann sagen: Beeindruckend!

Neue Besen kehren gut. Aber die alten kennen die Ecken.

Kaum im Amt macht Oliver Kreuzer, der neue Sportdirektor des HSV, im Juni 2013 von sich reden. Immer wieder hört man von Wutreden, sowohl in der Kabine als auch in Interviews. Einer Klartext-Ansprache folgt die nächste. Man bekommt den Eindruck, Kreuzer kämpft gegen alle – und kurz darauf alle gegen ihn.

Denn was machen Menschen, die angegriffen werden? Sie schließen sich zusammen. Das kann man immer wieder beobachten, z.B. bei Revolten. Gibt es einen gemeinsamen Gegner, wird dieser geschlossen bekämpft. Ist der Gegner wieder weg, hört das auf.

Beginnen wir mit der Geschichte um die Abschiebung der Profis in das Regionalligateam. Es war sicherlich notwendig, das Team und den Etat zu verkleinern. Aber sind dazu alle Mittel legitim? Schauen wir uns dazu einmal die Aussagen des Sportdirektors zu den ersten drei abgeschobenen Spielern an:

  • „Bei diesem Trio haben wir uns festgelegt, dass es keinen Wert mehr hat, mit ihnen zusammenzuarbeiten.
  • Beim Verkauf setzt Hamburgs Sportchef aber auch auf die Kooperation der Kicker. Kreuzer: „Ich hoffe auf Einsicht. Es geht ja auch um ihre Karrieren. Seinen Vertrag auszusitzen bringt nichts. Keiner läuft gern ein Jahr durch den Wald.“

Nichts gegen hartes Durchgreifen, das ist auch immer mal wieder notwendig. Aber so? Welcher Mensch mit einem Funken Selbstachtung wird denn jemals kooperieren, wenn der Vorgesetzte in der Presse so abwertend über die eigene Person spricht?  So dass sogar die Spielergewerkschaft vor einem Wechsel nach Hamburg warnt.

Versetzen wir uns jetzt in einen aktiven Spieler der Profimannschaft hinein: Wie fühlt sich das an, wenn meine eigenen Kollegen so behandelt werden? Und bin ich vielleicht der Nächste, der, wie vom Sportchef angekündigt, ins Regionalligateam muss? Wem gilt als Spieler meine Loyalität? Meinen Spielerkollegen? Oder meinem Sportchef, der mich wöchentlich runtermacht?

Nun kommt bestimmt der Hinweis:  “Die verdienen soviel Geld. Das müssen die Spieler abkönnen.” Klar, sollten sie vielleicht. Aber die Grundlagen der Psychologie und menschliche Reflexe werden wegen einer Gehaltszahlung, mag sie noch so hoch sein, nicht außer Kraft gesetzt.

Wie gute Leistung entsteht.
Auch durch gutes Führungsverhalten?

Gute Leistung entsteht, wenn ich Wollen mit Können multipliziere. Ist eines von beiden null, ist auch die Leistung null. Kann ich etwas sehr gut und will es nur ein bisschen, dann gibt es einfach keine sehr gute Leistung. Mathematisch ausgedrückt sieht das dann so aus:  100 % Können * 20 % Wollen = 20  % Leistung!

Der Trainer (und der Sportdirektor) sollten durch ihr Führungsverhalten dafür sorgen, dass beide Faktoren bei den Spielern so hoch wie möglich sind. Was dürfte aktuell der Fall sein? Nun, das Fußballspielen werden die Spieler nicht verlernt haben. Jedoch hat das Wollen gelitten. Warum?  Eine Erklärung wäre, weil mein Sportdirektor mich jede Woche in der Kabine und in der Presse verbal vermöbelt.

Hier mal ein paar Aussagen des HSV Sportdirektors über seine eigene Mannschaft:

  • „Vielleicht können wir in München beantragen, zwei Leute ins Tor zu stellen.“
  • „Wir haben immer das Falsche getan. Und dann kommt auch noch Dummheit dazu.“
  • Über die U23 Spieler und deren Rück-Umzug nach Norderstedt: „…einigen sei die räumliche Nähe wohl zu Kopf gestiegen.“

Beeindruckend, oder?

Jetzt denken Sie wieder: Die Spieler verdienen soviel Geld. Das müssen die abkönnen! Können Sie aber nicht. Kann keiner. Sie auch nicht. Vielleicht eine gewisse Zeit, aber nicht dauerhaft. Und irgendwann ist das Gehalt nur noch Schmerzensgeld. Sobald ich weg kann, werde ich gehen. Innere Kündigung. Schon mal gehört?

Loyalität kann für beide Seiten lästig sein.

Ein sehr guter Hinweis. Nehmen wir mal Frank Rost, der mit seiner offenen Art wohl einigen Führungskräften übel aufgestoßen ist. Auf jeden Fall hatte er Charakter, die Tugend, die heute immer wieder gefordert wird.

Nun, da müssten die Verantwortlichen beim HSV ja Lobeshymen über den ehemaligen Torwart singen. Schauen wir uns also an, was der aktuelle Vorstand Jarchow über seinen ehemaligen Angestellten sagt:

  • “Wir danken Frank Rost für seine Verdienste um den HSV.”
  • “Er ist nicht nur ein Charakterkopf, sondern in erster Linie ein starker Torwart, der sehr viel für den Verein geleistet hat.“
  • “Wir können uns gut vorstellen, ihn irgendwann in die Vereinsarbeit einzubinden, wenn es sich mit seinen Vorstellungen vereinbaren lässt.”

Klingt erstmal ok, aber ich übersetze Ihnen einmal dieses “Arbeitszeugnis”. Mehr oder weniger sagt er: Gott sei Dank ist der Querulant weg. Wie man das erkennt?

  • Offen bleibt z.B. welche Verdienste? Gute oder schlechte?
  • Der Hinweis auf den Charakterkopf an erster Stelle, dann erst seine eigentliche Tätigkeit.
  • Der letzte Satz hat es dann wirklich in sich: Einige meiner Kollegen könnten es sich vorstellen, mit diesem Menschen zusammenzuarbeiten. Aber erst, wenn er aufhört ein solcher Querulant zu sein.

Nicht sooo loyal, oder?  Das ist schlechtes Führungsverhalten und jeder aktive Spieler weiß jetzt: ich mache mich nicht beliebt, wenn ich ehrlich bin oder Charakter zeige.

Machen wir weiter mit den Aussagen des Herrn Kreuzer über Herrn Fink. Der Herr Fink begann irgendwann, seinen Unmut zu äußern. Dass der HSV mit ihm als Trainer nicht um den Abstieg gespielt hätte usw. Das war auch nicht schlau. Doch dann spricht Herr Kreuzer darüber, etwa, dass sich der Trainer seinerzeit heimlich auf der Rücksitzbank aus dem Stadium gemacht hat. Auch kein sooo loyales Führungsverhalten.

Und nun mein Highlight: Da gibt es den Trainer der U23 Mannschaft: Rudolf Cardoso. Seit 1996 beim HSV, der sich jedes Mal auf die Trainerbank der Bundesligamannschaft setzt, wenn wieder der Trainer gefeuert wurde und nicht schnell genug Ersatz da war. Sie erinnern sich?

Man hat den Vertrag als Trainer der U23 nicht verlängert. Dafür mag es Gründe geben. Aber als guter Vorgesetzter sorge ich doch dafür, dass ich meinem langjährigen Mitarbeiter eine solche Entscheidung persönlich übermittle – und nicht die Presse! Man traf sich dann vor dem Arbeitsgericht – nach 18 Jahren! Ach ja und Nachfolger soll hier ein alter Kollege von Sportdirektor Kreuzer werden.

Es gibt Unternehmen, da wird ein solches Führungsverhalten gewünscht. Es gab z.B. mal eine Drogeriekette, der man ein solches Führungsverhalten nachgesagt hat. Aber noch nicht einmal dieses Unternehmen war so dreist und forderte von seinen Mitarbeitern Charakter oder Loyalität ein.

Wer für Geld kommt, geht für Geld – die Söldnerdebatte.

Können Sie sich noch an diese unglaubliche Geschichte mit dem van der Vaart erinnern? Dieses Schmierentheater mit dem spanischen Trikot usw. Es war so erbärmlich. Zeigt sein wahres Gesicht, absolut illoyal, egoistisch, ist auf einmal krank usw. Und was macht die Vereinsführung ein paar Jahre später? Holt ihn zurück!

Versetzen wir uns wieder in die Rolle eines Spielerkollegen. Angenommen ich bin zuverlässig, loyal und gehöre nicht zu den Topverdienern: Was denke ich in einer solchen Situation? Da muss ich mich doch selber für meine Bescheidenheit und Loyalität ohrfeigen. Wie verändere ich also mein zukünftiges Verhalten? Ich werde egoistischer.

Der HSV zahlt vergleichsweise üppige Gehälter. Ist auch logisch, denn wenn ich kein anderes Argument habe, dann muss ich Geld bieten. Und wenn sogar die Spielergewerkschaft wegen des Führungsverhaltens – Stichwort: Regionalligateam – warnt, ist es wohl die einzige Option. Aber: Wer für Geld kommt, geht für Geld.

Menschen kommen zu Unternehmen und sie verlassen Vorgesetzte – dürfen Fußballer eigentlich kündigen?

Trainer fangen beim HSV an, sind voller Vorfreude und gehen kurz darauf völlig entnervt. Dazu gibt es einen passenden Satz vom deutschen “Führungsguru” Dr. Sprenger: “Menschen verlassen Vorgesetzte”.

Man kann wohl davon ausgehen, dass die meisten Spieler sich wünschen, lieber woanders zu spielen. Aber die können ja nicht einfach kündigen. Welche Option habe ich als Spieler nun noch?

Wie sieht es denn aus, wenn der HSV absteigt? Dann brauchen die Spieler nicht zu kündigen, was sie ohnehin nicht können.  Dann dürfen sie gehen, da entweder der Vertrag nicht mehr gilt oder kein Geld mehr da ist. Das ist jetzt eine gewagte These, aber welche Erklärung gibt es denn sonst für eine solche Arbeitsverweigerung?  Das nennen Sie illoyal? Klar ist es das, aber dankt denn der HSV verdienten Akteuren mit Loyalität?

Heute können wir Herrn Kreuzer dabei beobachten, wie er ohnmächtig vor der Mannschaft steht. Er kann auch nichts mehr sagen, denn gemeckert hat er ja schon die ganze Zeit. Jetzt spricht er vom Überleben, er warte seit Wochen auf Reaktionen, die Art und Weise ärgere ihn maßlos usw. Aber erreichen kann er damit keinen seiner Spieler mehr. Die Möglichkeit ist lange vorbei. Wer neu in den Verein kommt und gleich ein solches Führungsverhalten an den Tag legt, der darf sich nicht wundern, dass ihm mit Resignation begegnet wird. Jetzt sind die Spieler am Drücker. Jeder holt sich halt seine Gerechtigkeit, früher oder später.

Marc Schmidt